Skandinavien – offen und liberal?!?

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Expat Skandinavien

Es ist schon ein bisschen paradox: Norddeutsche gelten als wortkarg und verschlossen. Dänen hingegen werden als offen und liberal beschrieben. Und das, obwohl sie nur durch eine EU Binnengrenze getrennt sind. Wenn wir Deutschen an Skandinavien denken, haben wir Bilder von gemütlichen, hölzernen Ferienhäusern in weiten Dünen, fahrradfahrenden Großstädtern in puristisch eleganter Kleidung und von Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga im Kopf. Dazu mischt sich gelegentlich noch die eine oder andere Schlagzeile über skandinavische Gesetze zur Gleichstellung von Frau und Mann oder zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Und fertig ist das stereotypische Bild vom offenen und liberalen Skandinavien. Wenn man als Expat Skandinavien erlebt, zeigt sich allerdings ein deutlich differenzierteres Bild. Eines, das man nicht werten sollte, sondern als Kulturerfahrung bewusst wahrnehmen.

Expat Skandinavien ≠ Tourist Skandinavien

Unsere Vorstellung von Skandinavien basiert oft auf Urlaubserfahrungen und Kinderbüchern von Astrid Lindgren. Das Land in dem man Urlaub macht, ist allerdings eine anderes als das, in dem man als Expat arbeitet. Auch wenn es den gleichen Namen hat. Oder anders formuliert: als Tourist lernt man ein Land nur sehr eingeschränkt bzw. verfälscht kennen. Schließlich gibt es im Urlaub kaum Alltagsprobleme und man wird freundlich umgarnt, damit man gut gelaunt, möglichst viel Geld am Urlaubsort lässt.

Die Bücher von Astrid Lindgren hingegen, zeichnen ein ziemlich genaues Bild von Skandinavien. Man muss sie nur richtig lesen. Richtet man den Blick weg von den Helden unserer Kindheit hin zu den erwachsenen Figuren, dann entwickelt sich ein anderes Bild. Astrid Lindgrens Beschreibung ist an vielen Stellen recht nah daran, wie ein Expat Skandinavien skizzieren würde. Die Eltern von Tommy und Annika sind gar nicht liberal, sondern einigermaßen spießig. Die Eltern von Michel, der im Original übrigens Emil heißt, leben in einer hierarchischen Gesellschaft voller Konventionen.

Skandinavien ist beinahe sozialistisch

Skandinavien hat bekanntermaßen vergleichsweise hohe Steuern. Für Expats gibt es zwar teilweise Ausnahmeregelungen, allerdings ändert das nichts am Gesamtbild. Die Steuereinnahmen werden via Gesundheits- und Sozialsystem unter anderem zur Umverteilung genutzt. Das bedeutet zum einen, dass die soziale Schere nicht so weit auseinander geht wie in Deutschland oder gar den angelsächsischen Ländern. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass nach Steuern nicht sonderlich viel übrig bleibt. Wer sich ein bisschen Luxus (also ein Auto oder einen Urlaub) leisten möchte, braucht zwei Einkommen. In der Regel arbeiten in Skandinavien beide Ehepartner. Auf der positiven Seite sorgt das für Gleichberechtigung. Allerdings hat es auch zur Folge, dass es für Expats schwieriger wird, außerhalb des Arbeitsplatz Freundschaften aufzubauen, als in Ländern in denen ein Partner viel Freizeit hat. (Siehe auch: Start im Ausland = erster Schritt zur Scheidung?) Das wiederum kann dazu führen, dass man als Expat Skandinavien als gar nicht so offen und liberal wahrnimmt.

Skandinavier sind schwer zugänglich

Expats in Skandinavien berichten immer wieder, wie schwierig es ist, Zugang zur dortigen, recht verschlossenen Gesellschaft zu finden. Das mag daran liegen, dass Kinder in skandinavischen Ländern praktisch in ein staatlich organisiertes soziales Umfeld geboren werden. Dort organisieren viele Kommunen sogenannte Müttergruppen in denen sich die Eltern von Neugeborenen treffen und ihre Erfahrungen austauschen. Oft bilden diese Müttergruppen auf Lebenszeit den Kern des Freundes- und Bekanntenkreises der Kinder. Dieser wird später durch Schulklassen und ein aktives Vereinsleben komplettiert. Skandinavier haben starke, gewachsene soziale Netzwerke. Fremdsprachige Expats sind darin eher störend. Aber ist das in Deutschland wirklich anders?

So mancher Skandinavien Expat muss sein Skandinavienbild revidieren. Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum man als Expat Skandinavien auswählen sollte. Schließlich geht man auch deshalb ins Ausland, um neue Erfahrungen zu machen, um Vorurteile zu überwinden und um Dinge von einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Expat in Los Angeles, Dubai und Kopenhagen.

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