Hygge im Büro

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Hygge im Büro

Man sagt den Dänen nach, sie seien das glücklichste Volk der Welt. Mit schöner Regelmäßigkeit bestätigen Studien diese These. Der Grund dafür ist Hygge – ein Wort, das vor kurzem auch den Einzug in den Duden geschafft hat. Hygge wird oft mit Begriffen wie Gemütlichkeit oder Behaglichkeit umschrieben. Manche Dänen behaupten sogar, dass man Hygge riechen kann. Es sei eine Mischung aus Kerzenwachs, Kaminrauch und Gløgg. Das ganze erweckt schnell ein Bild von kuscheliger Vorweihnachtszeit. Falsch ist das zwar nicht, es greift aber zu kurz. Hygge ist ein Lebensgefühl. Hygge gibt es nicht nur in den eigenen vier Wänden. Erstaunlicherweise gibt es Hygge dort wo wir Deutschen es am wenigsten erwarten. Tatsächlich gibt es Hygge im Büro. Und das hat nichts mit Duftlämpchen und Schreibtischen von skandinavischen Designern zu tun.

Hyggelig (ursprünglich dän. und norw. [‚hygəli], eingedeutscht [‚hʏgəliç] oder, wohl in Analogie zu hügelig, [‚hyːgəliç]) ist ein im Dänischen und Norwegischen häufig verwendetes Adjektiv, das wörtlich „gemütlich“, „angenehm“, „nett“ und „gut“ bedeutet. Darüber hinaus hat hyggelig auch weitere, durchweg positiv belegte Konnotationen wie „geborgen“, „intim“, „behaglich“, „im trauten Heim“, „lieblich“, „malerisch“, „Trost spendend“, „klein, aber fein“, „niedlich“. Diese Bedeutungen umfassend wird der Begriff oft im Sinne von „typisch dänisch“ auch von Dänen selbst als nationales Stereotyp gebraucht. (Quelle: Wikipedia)

Hygge im Job

Arbeiten in Dänemark kann sehr hyggelig sein. Schon am ersten Arbeitstag in Dänemark wird dem Expat die unterschiedliche Arbeitskultur plastisch vor Augen geführt. Zuhause in Deutschland musste er sich doofe Sprüche anhören, wenn er schon um 18 Uhr das Büro verließ: „Hast du einen halben Tag Urlaub genommen?“ Das Büro in Dänemark hingegen beginnt sich ab 16 Uhr zu leeren. Gegen 16:30 sind fast alle Kollegen gegangen. Ab 17 Uhr wird er von der Security mit mitleidsvollen Blicken bedacht.

Da der Expat sich auch persönlich weiterentwickeln möchte, fragt er einen Kollegen: „Wie schaffen es die dänischen Kollegen, so effizient zu sein, dass um spätestens 16:30 schon alles abgearbeitet ist“? Die Antwort ist verblüffend: „Erstens fangen hier alle schon um 8:30 an. Und zweitens ist es nicht schlimm, wenn was liegen bleibt. Das ist hier schließlich nur ein Job. Es gibt wichtigeres.“ Die Möbelpacker, die tags darauf das Umzugsgut in die neue Wohnung bringen und eigentlich alle Möbel aufbauen sollen, sehen das offensichtlich genauso.

Eine weiterer Bereich, in der sich Hygge im Büro zeigt, sind Entscheidungsprozesse. Viele Deutsche verzweifeln nahezu, weil Entscheidungen entweder gar nicht, oder nur im Konsens getroffen werden. Gelegentlich kommt es auch vor, dass eine Entscheidung nur vermeintlich getroffen wurde. Die radikale Kurskorrektur, die man auf Initiative des Expats aus Deutschland beschlossen hatte, wird ebenso kollektiv wie konsequent nicht umgesetzt. Zu deutlicher Widerspruch gegen die Pläne hätte eben die Hygge im Büro gestört.

Vi ses efter sommeren

Der dänische Winter ist nasskalt, grau und dauert gefühlte acht Monate. Er schreit geradezu nach allen, was Hygge ausmacht. Allerdings ist Hygge kein Phänomen der kalten Jahreszeit(en). Ab Anfang Juni hört man im Büro den Satz „Vi ses efter sommeren“. Wir sehen uns nach dem Sommer. Zunächst sporadisch, dann immer häufiger. Schnell wird klar, dass das keine leere Redensart ist. Die Bevölkerung aus den Wirtschaftszentren in und um Kopenhagen verabschiedet sich in der Tat für mindestens vier Wochen in ihre „Sommerhäuser“. Die heißen so, weil die Besitzer dort den kompletten Sommer verbringen. Klar – teilweise arbeiten die Kollegen auch von dort. Aber wenn die Internetverbindung in ihren spartanisch eingerichteten Häusern in den Dünen zu schwach für Skype-Konferenzen ist, dann nimmt man halt nicht daran teil. Auf jeden Fall ist das kein Grund, den Aufenthalt im Sommerhaus zu unterbrechen.

Hygge im Büro – ein klarer Fall von Kulturschock

Die dänische Lebensart spiegelt eine ausgesprochen große Gelassenheit wieder. Viele Deutsche sind davon einigermaßen irritiert. Mancher deutsche Dänemark-Expat hat sich schon zu der Aussage hinreißen lassen, dass die Dänen einen „Lari-Fari-Arbeitsethos“ an den Tag legen. Dänen würden das empört zurückweisen und versichern, dass Dänen wirklich hart arbeiten. So mancher Deutsche würde das wiederum mit einem gönnerhaften Lächeln kommentieren. Aus der Distanz betrachtet, tritt hier eine der zentralen Lehren der Kultursimulation Barnga zu Tage: je ähnlicher Kulturen sind, desto schwieriger ist es, ihre Unterschiede zu akzeptieren.

Expat in Los Angeles, Dubai und Kopenhagen.

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